February 22nd, 2012 by Kaethe
Jetzt kommen mir aber doch Zweifel ob wir das alles überstehen werden. Aber komisch, man ist innerlich ganz ruhig geworden, trotzdem man mitten in der Gefahr ist. Man ist nur so innerlich unendlich traurig. Aber es sieht ja so aus, als ob die Entscheidung bald käme.
Das Marinehaus in der Bredtschneiderstraße ist voll von Verwundeten und Flüchtlingen aus anderen Stadtteilen. Die Sowjetfahne ist von der Brücke auch wieder fort. In der Wilmersdorferstraße sollen die Russen schrecklich gehaust haben. Drei Männer sollen sie aufgehängt haben, die sich vor ihre Töchter gestellt hatten, die sie vergewaltigen wollten. Ach, es ist alles so schrecklich, man kann es sich gar nicht vorstellen.
Schmalhans ist bei uns Küchenmeister und uns allen knurrt der Magen. Die Läden haben alles vor acht Tagen ausverkauft aber wie lange wird es reichen? Heute war ich mit Mutti und zwei Eimern Wasser beim Bäcker, wir bekamen drei Weißbrote. Vielleicht klappt das wieder mal aber weiter als bis an morgen kann man ja nicht denken. Eben war Onkel Bernhard da. Er holte Wasser und wollte nur mal sehen ob wir noch leben. Er sagt, die Russen kämen schon die Kantstraße hoch. Ja man macht sich so seine Gedanken. Wie ist der Russe wirklich? Es können doch nicht alles schlechte Menschen sein. Oder ob nur die kämpfende Truppe so roh ist?
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February 22nd, 2012 by Kaethe
So nun ist der Tag auch wieder vorbei und der Russe ist schon wieder näher gekommen. Panzerspähwagen waren schon in der Königin- Elisabeth-Straße. Ellen kam mal kurz rüber und erzählte es. Ganz vermummt, wie eine alte Frau verkleidet. Die russische Fahne weht schon auf der Kaiserdammbrücke. Ein mächtiges Ding soll das sein. Die ganze Ost-West-Achse liegt unter Artilleriebeschuss. Wir sind alle sehr unruhig, haben keine Lust uns zum Schlafen hinzulegen. Oberst Hassel erzählt uns noch einiges über die Stalinorgel. Das sind mehrere Rohre die auf einmal abgefeuert werden und im Ganzen 50 Schuss haben. Nun so hören sie sich auch an.
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February 22nd, 2012 by Kaethe
Die Russen scheinen in Eichkamp zu sein. Die Stalinorgel pfeifen über unser Haus. Heute konnten wir auch kein Wasser mehr aus dem Funkhaus holen, weil der Volkssturm dort in Alarmbereitschaft steht. Im Funkhaus hing der gestrige Wehrmachtsbericht aus. Die Russen wären überall zurückgeschlagen worden. Ich möchte nur wissen, für wie dumm die uns halten. Auch bei uns zu Haus ist alles nicht mehr alles so wie es sein sollte. Ich hole eimerweise das Wasser und Vati schrubbt damit die Wohnung. Wozu? Vielleicht will er sich damit abreagieren. Er muss mit den Nerven ganz schön fertig sein, sonst könnte er sich so nicht verhalten. Ein Egoist reinsten Wassers. Radio geht nicht mehr – alles tot. Mit niemandem kann man sich mal aussprechen. Ab und zu gibt es mal eine Zeitung, d. h. ein Blatt da steht auch nur drin „Berlin hält sich“ und andere Durchhalteparolen. Was aber für Leid manchmal dahinter steht, das weiß nur der, der das hier alles mitgemacht hat, denn wir haben bisher noch Glück gehabt.
Die Straßen sind alle tot, Läden alle geschlossen, die Straßen von Granaten umgepflügt. Im Augenblick ist es verhältnismäßig ruhig. Ich glaube es ist die Ruhe vor dem Sturm. In unserer Wohnung haben wir viele Geschosse von Maschinengewehren gefunden. Das behauptet Vati jedenfalls, dass die davon wären. Auf die drei Armeen aus dem Norden warten wir noch immer aber es ist gewiss demnach auch nur eine Parole von irgend einem Parteimensch gewesen. Vati meint, wir wären jetzt in einem Kessel von einem Kilometer Durchmessser. Er kann schon Recht haben, denn das Maschinengewehrfeuer kommt jetzt doch von allen Seiten. Nur das Artilleriefeuer kommt aus Richtung Stadt immer näher. Es sind nun schon acht Tage, als dass alles hier in Berlin anfing. Eine solche große Stadt einzunehmen ist bestimmt keine Kleinigkeit. Aber es kann gewiss noch zwei bis drei Wochen dauern bis alles ein Ende findet. Unsere Gegend hier ist ein ideales Kampffeld, weil die Bebauung hier nicht so dicht ist.
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February 22nd, 2012 by Kaethe
Wir haben abends um 10 Uhr alle unser Biwak bezogen. Wir waren noch gar nicht lange unten da schlugen um uns herum Bomben und Granaten ein und das Artilleriefeuer ging los. Die Russen rückten bis zum Adolf-Hitler-Platz (heute: Theodor-Heuss-Platz) an der Reichsstraße vor, wurden dann aber noch einmal zurückgeschlagen. Ich kann gar nicht beschreiben, wie es auf der Straße aussieht: überall Trümmer, Pflaster aufgerissen. Unsere Wohnung hat kein Fenster mehr, alles herausgeflogen. Kein Mensch traut sich mehr auf die Straße. Oberst Hassel aus unserem Haus, den die Russen, als er neulich mal unterwegs war in U-Haft gesteckt hatten, ist wieder da. Vielleicht kann er uns helfen wenn die Russen kommen, denn er kann russisch, denn er stammt aus Riga. Er erzählte so einiges aus seiner U-Haft-Zeit. In der Wohnung kann man sich nicht mehr aufhalten. Wir haben schon im Eckzimmer mehrere Geschosse gefunden. Ab und zu gehen wir mal in die Parterrewohnung um uns mal etwas zu waschen. Aber Vati weigert sich noch immer aus der Wohnung zu gehen und in den Keller zu kommen. Also Mut kann ich das nicht nennen sondern Leichtsinn. Aber es muss ja alles vorübergehen. Ich möchte nur alles überleben, ich habe doch noch nichts gehabt vom Leben, irgendwie meine ich, geht es immer weiter, obgleich man es sich nicht vorstellen kann.
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February 22nd, 2012 by Kaethe
Die Nacht war unheimlich. Wie haben sie zu 10 Personen in unserm selbst gebastelten Keller verbracht. Wir haben in vier Betten geschlafen und einer breiten Bank. Soweit man von schlafen sprechen konnte. Dauernd fielen Bomben wie im Augenblick auch wieder Flieger in der Luft sind. Jeden Augenblick kann man dran sein. Mir kann keiner mehr erzählen, dass die Russen keine Luftwaffe hätten. Es werden wohl die ganzen deutschen Flugzeuge sein, die sie auf den Flugplätzen erbeutet haben. Gestern Abend wollte ich mal Nachrichten im Radio hören aber es blieb alles stumm. Nur der Tommy war zu hören. Sie wissen besser Bescheid über uns als wir selbst hier in der Stadt. Gestern Abend waren deutsche Soldaten bei uns im Keller und die wollten uns erzählen unsere Soldaten hätten Potsdam und Oranienburg zurückerobert. Wir haben dazu gar nichts gesagt, denn man muss sehr vorsichtig sein, uns aber unseren Teil gedacht. Jetzt ist es wieder stiller geworden. Aber es ist doch komisch wenn man so überlegt, wie der Mensch sich seiner Situation anpassen kann.
Heute Mittag gab es was aus der Büchse von unserer eisernen Ration noch aus guter Zeit aber lange hält das nicht mehr vor und mir knurrt der Magen.
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