Wer von ihnen wird das überleben ?

January 29th, 2012 by Kaethe

Nach langem hin und her sind wir uns endlich einig geworden, dass heute Sonntag ist.

Man lebt ja wirklich wie auf dem Mond, dass man nicht einmal mehr die Wochentage weiß – also ob Sonntag ist oder nicht Sonntag.
Ist ja alles ziemlich egal und trostlos. Heute kam ein endlos langer Zug von deutschen Soldaten, die die Russen gefangen genommen hatten.
Ich habe wie ein Schlosshund geheult, so schlecht und heruntergekommen sahen sie alle aus. Sie sollen nach Russland abtransportiert werden.
Wer von ihnen wird das überleben? Alle sechs Jahre umsonst. Was ist man überhaupt noch für ein Mensch. Das Land in dem man lebt gehört einem nicht mehr und das Haus in dem man wohnt kann einem jeden Tag oder Nacht über dem Kopf angesteckt werden.

Gestern mussten wir unsere Straßen sauber machen damit sie zur Siegesfeier sauber sind. An dieser Siegesfeier werde ich gewiss nicht teilnehmen. Dass die Straßen sauber gemacht werden mussten ist ja an sich eine vernünftige  Sache gewesen, denn sie sahen zum Teil doll genug aus. Aber gleich müssen sie drohen mit “in Brand stecken”, wenn der Befehl nicht ausgeführt wird und ich glaube bestimmt, dass sie es auch machen würden. Gestern konnten wir von oben vom Fenster wieder einige Brandstellen sehen. Warum maß denn das alles sein?

Jetzt hat die russische Horde das Regiment

January 29th, 2012 by Kaethe

Ein Tag vergeht wie der andere ohne Bomben und Artilleriebeschuss nur ab und zu knallt es noch manchmal. Aber sonst hat jetzt die russische wilde Horde das Regiment und es passiert viel an Plünderungen und Vergewaltigungen der Frauen. Es steht z. B. eine Frau beim Bäcker an, kommt ein Russe und sagt. „komm mit“.Ja was soll sie machen.

Aber manche auch wieder sind gutmütig wie kleine Kinder und freuen sich wie Kinder wenn sie Fahrräder oder Motorräder haben und sitzen drauf wie die Bären. Solange sie nüchtern sind geht es aber sobald sie Schnaps getrunken haben scheint ihnen der Mut zu kommen.Ich bin sonst nie ängstlich gewesen, aber wenn ich diese Gestalten sehe, gruselt es mich und ich bin froh wenn ich nicht auf die Straße brauche.

Ich schlafe jetzt mit den Mädels von Maas oben im 5. Stock. Wir denken dass sie uns nicht so schnell finden, wenn sie nachts mal kommen sollten. Es ist ein wunderhübsches Zimmer, ganz der Gegensatz zu unserem Kellerloch in dem wir während der Kämpfe hier gehaust haben. In der Stadt drin sollen die Leute alle schon Fahnen draußen haben und KPD-Armbinden.

Ja der Umschwung geht bei manchen sehr schnell immer das Mäntelchen nach dem Wind hängen. Ich kann mir einfach gar nicht vorstellen, dass es keine deutschen Soldaten mehr geben soll. Was mag aus Paul am Atlantik geworden sein? Oder all die anderen die man so kennt.

Überall Russen, wohin man schaut. Außerdem haben die Russen auf ihrer Uniform einen fünfzackigen Stern. Allerdings haben sie wirklich alle Kirchen verbrannt. Hoffentlich haben sie wenigstens die Friedhöfe in Ruhe gelassen. Aber ich sehe ziemlich schwarz. Trotzdem haben wir bisher noch mächtiges Glück gehabt, wenn man hört wie es in  der Innenstadt aussieht und was bei uns in der Gegend alles geplündert worden ist, dass die Leute zum Teil nur noch das an Sachen haben, was sie am Leibe tragen. Wer weiß, ob man sich neue Sachen kaufen kann, weil man noch nicht weiß, was mit dem Geld wird.

Ich will versuchen mit Ellen zusammen so schnell wie möglich eine Stellung zu bekommen, denn man weiß ja nicht was noch kommt, denn arbeitslos möchte ich ja nicht sein und dann womöglich nach Russland abtransportiert werden. Mal sehen was wird. Wenn man nur mal eine Nachricht hätte, was so in der Welt los ist aber man lebt wie doof auf einer Insel, wo keine Nachricht hindringt. Möchte so gerne mal wissen, was mit den Soldaten nun alles ist. Aber wer weiß wann wir dieses mal erfahren werden.

Hitler gefallen, Göring aufgehangen und Göbbels ermordet.

January 29th, 2012 by Kaethe

Es war eine ziemlich unruhige Nacht. Russische Soldaten, motorisiert und zu Fuß zogen grölend durch die Straßen. Sie kamen wohl aus Richtung AVUS. An den Ausstellungshallen waren große Brände zu sehen und zwischendurch stiegen Leuchtraketen hoch. Geknalle und Geschieße überall auf den Straßen.

Auf dem Kaiserdamm, hier bei uns soll ein abgestürztes russisches Flugzeug liegen. Kein deutscher Soldat ist mehr zu sehen. Wo sind sie alle hin geflohen oder schon in Gefangenschaft?

Heute ging das Radio mal kurz. In drei Zonen wollen sie Deutschland aufteilen nach der Jalta-Konferenz. Süden und Westen sollen die Engländer und Ammis bekommen.  Der Norden und Osten geht an die Russen. Aber Genaues weiß keiner. Es wird zu viel erzählt.

Hitler soll gefallen sein und Göring aufgehangen, Göbbels und Familie ermordet.
Hoffentlich bleibt uns das Glück treu. Nur mit dem Essen wird es immer schlechter.

Der Führer ist tot

January 29th, 2012 by Kaethe

Ein Tag, den ich wohl nie in meinem Leben vergessen werde. Morgens kommt Herr Maas zu uns in den Keller und sagt: „Das Funkhaus ist in der Nacht von der SS geräumt worden und kein Mensch ist mehr drin“.
Aber es liegen noch Lebensmittel dort. Wir alle raus und rüber das war eins. Aber siehe da andere hatten es schon eher gewusst als wir und das Beste war weg.
Wir sahen die Leute mit Kohlen, Holz und kistenweise Lebensmittel auf kleinen Wagen wegschleppen. Für uns blieb nur noch etwas Marmelade.
Die Leute hatten wie die Vandalen gehaust. Auch alles kurz und klein geschlagen. Auf einmal schrie ein Mann: „Der Führer ist tot“.
Ich wusste nicht was ich sagen sollte, so platt war ich. Die Regierung wäre fort und die Russen könnten nun kampflos einziehen.
Ich wusste nicht sollte man es glauben? Was kommt nun auf uns zu? Wenn niemand mehr für Recht und Ordnung zuständig ist?
Es schien wirklich wahr zu sein was wir erfahren hatten. Aber so hatte ich mir das Ende nicht vorgestellt.

Sechs Jahre alles umsonst. Die Opfer so vieler. Aber es musste stimmen, dass Hitler tot war und der Krieg zu Ende, denn die SS hatte auch ihre Uniformen da gelassen,
Munition, Waffen, Autos, überhaupt alles was eine Truppe braucht. Es bot alles ein recht trauriges Bild. Diesmal ist nicht die Heimat zusammen gebrochen wie 1918.

Was die durchgemacht hat und ausgehalten hat, konnte sich wohl sehen lassen. Diesmal ist das ganze System  zusammen gebrochen. Weil ein Mensch immer mehr haben wollte an Land und Macht.
Aber was wird das für ein Frieden werden? Ich wage gar nicht daran zu denken. Von wem können  wir Gutes erwarten? Werden wir noch mal frei leben können?

Nun es dauerte nur ein paar Stunden bis die Russen in Funkhaus einzogen. Wir beobachteten alles vom Fenster unserer Wohnung aus.
Als ich das erste Mal Wasser von der Pumpe holen musste, verkleidet mit Kopftuch, tief ins Gesicht gezogen, begegnete ich den ersten Russen.
Sie sahen aus wie Strauchdiebe.

Aber sie belästigten die Menschen nicht, die nach Wasser an standen. Ihre Wagen standen bei uns vor der Tür auf dem Bürgersteig und ein paar Pferde waren am Zaun festgemacht.

Am Nachmittag klopfte es bei uns an der Wohnungstür. Wir wollten erst nicht aufmachen, aber das Klopfen wurde immer doller und wir hatten,
sie treten die Tür ein. Vati öffnete, zwei Russen stürmten durch die Wohnung und schrieen „Uhri, Uhri, Uhri. Ja wir hatten unsere versteckt und wollten sie natürlich nicht rausrücken,
denn wann hätten wir so was wieder kaufen können. Aber das ging alles so schnell. Mir kam ein Geistesblitz.

Ich zeigte auf die Küchenuhr „Nix Uhr“ sagte ich und machte Zeichen, dass wir weiter keine Uhr hätten.
Sie haben sich doch wirklich damit zufrieden gegeben und sind ab gedampft ohne auch nur durch die Wohnung zu gehen.
Von den anderen Mietern habe ich dann erfahren, dass sie dort allerlei mitgenommen haben. Ja wir hatten Glück – weiter nichts.

Aber muß man nicht immer Glück im Leben haben?

Der Himmel ist ganz schwarz von Qualm

January 29th, 2012 by Kaethe

Ja das war mal ein nationaler Feiertag. Heute ist das alles so wurst. In der Stadt müssen schlimme Kämpfe toben, denn der Himmel ist ganz schwarz von Qualm. Bei uns hie haben Soldaten neue Barrikaden aufgebaut. Aber trotz allem weiß kein Mensch was los ist.